Steinmännchen? Weg damit und abgebaut!

Und das beste Steinmännchen ist ein abgebautes Steinmännchen.

Steinmännchen. Diese kleinen, grauen Gesellen, die am Wegesrand oder an wundervollen Aussichtspunkten stehen – und, bis auf die tatsächlich sinnvolle Aufgabe der Wegmarkierung in unwegsamen Gelände, meist keine andere Aufgabe haben, als Ausdruck des menschlichen Egos zu sein. „I was here“ – „Ich war hier“ – „Ich muss hier meine Spur hinterlassen…“ – und keine Holzbank zum Bekritzeln in der Nähe? Sind Steinmännchen touristische Höhlenmalerei?

Eigentlich fand ich Steinmännchen sehr sympathisch. Oftmals sind sie wirklich gekonnt gestapelte Kunstwerke, die manchmal sogar die Schwerkraft auszutricksen scheinen. Sie haben etwas Ursprüngliches, indem sie den Weg zeigen, ganz ohne GPS oder Karte. Und etwas Verbindendes: Den Weg, den ich gehe, ist jemand vor mir gegangen.

Inzwischen denke ich anders über Steinmännchen – nicht über die wichtigen Wegweisermännchen, sondern über die Massen, die zahlreiche Wanderer zahlreich überall aufbauen, sodass teilweise ganze Steinmännchenfelder entstehen. Es scheint, dass jedes Steinmännchen, das steht, sich zigfach multipliziert, und jedes Männchen scheint für den nächsten Wanderer Aufruf zu sein, sich ebenfalls zu verewigen. Keine Frage: Steinmännchen bauen macht Spaß. Wieviele Steine kannst du stapeln? Wird der Turm höher oder ausgefallener als die anderen? Aber was ist der Reiz im Vergleich zum heimischen Bauen mit Bauklötzen?

Steinmännchen nerven!

Gehe ich wandern, dann deshalb, um die Natur dort möglichst unberührt zu genießen.

Und mit diesem Privileg, dieses tun zu können und zu dürfen, übernehme ich Verantwortung, dieses nicht nur für mich allein in Anspruch zu nehmen, sondern so, dass die Natur dadurch möglichst keinen Schaden nimmt und meine Mitwanderer, andere Naturentdecker, Reisende, Spaziergänger und Abenteurer genau dieses Erlebnis auch erfahren können.

Steintürme sind in ihrer Masse ein Eingriff in die Natur, der zunächst vielleicht nicht auffällt… außer optisch. Denn was soll so ein einzelnes Steinmännchen schon an Schaden anrichten?

Werden Steinmännchen in Masse gebaut, werden z.B. Tiere, die unter den Steinen Unterschlupf suchen, gestört oder sogar von ihrem Ort vertrieben, Pflanzen werden durch das Abtragen der Steine entwurzelt. Teilweise werden Steinstrände von Touristen „umgekrempelt“, denn es reichen nicht die kleinen Steine obenauf.

Fast der gesamte Playa Jardín auf Teneriffa besteht aus Steinmännchen, die von Touristen gebaut wurden. In einer tollen Aktion haben 150 Freiwillige Ende Juli 2019 den Strand wieder aufgeräumt, indem die Steine der Steinmännchen wieder zurückgelegt wurden. Leider scheint der neu geschaffene Platz für Touristen noch mehr Anreiz zu sein, gleich wieder Steinmännchen zu bauen.

Aufräumaktion am Playa Jardin – Video auf Spanisch

Lesestoff: Spiegel.de: Warum Umweltschützer die Steintürme am Playa Jadrin abgebaut haben. – 12.08.2019

Sicherlich ist dieser Strand ein Extrembeispiel. Aber auch dort wurde irgendwann das erste Steinmännchen gebaut. Diese Steinmännchen haben für mich nichts mehr mit „Meditation“ oder „Naturromantik“ zu tun.

Ein zusätzliches Problem ist, dass einige Touristen nicht nur die Steine nutzen, die „rumliegen“, sondern sich z.B. Steine aus dem Mauerwerk von historischen Gebäuden herausnehmen und diese Stätten so beschädigen.

Hinzukommt, dass diese Türme ihre ursprüngliche Funktion verlieren, wenn sie überall hingebaut werden. Ist das Steinmännchen, dass dort steht, jetzt tatsächlich Wegweiser, den ein Ortskundiger als Hilfe dorthin gebaut hat? Oder hat sich nur ein Tourist verewigt (und führt damit den nächsten Wanderer auf den falschen Weg?)

Man mag es als Spielverderberei sehen – es sind doch nur gestapelte Steine – doch in Zukunft werde ich, statt ein Steinmännchen zu bauen, Steinmännchen abbauen, dort, wo sie sich tümmeln und keine Wegweiserfunktion haben.

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